24.10.2013

Fundstück des Monats: Stefan Sing und Cristiana Casadio




Foto: © Andy Phillipson

Erinnert ihr euch an meinen Monatsrückblick im Juli? Da gab es in meinem Heimatstädtchen Kunst und Kultur an jeder Straßenecke. Zwei haben damals besonders begeistert: Stefan Sing und Cristiana Casadio. Die beiden haben den Zuschauern mit ihrer einstündigen Performance die Höhen und Tiefen einer Beziehung vor Augen geführt – so eindrucksvoll, ästhetisch und teilweise humorvoll, dass es eine wahre Freude war, zuzusehen. Nicht mit großem Tamtam, sondern nur in Schwarz und Weiß, mit ein paar Bällen und sich selbst, mit Tanz und Jonglage. Sollten die beiden je in eure Nähe kommen, dann lasst euch ihren Auftritt nicht entgehen. Und selbst wenn ihr die beiden noch nie gesehen habt, erwartet euch nun ein besonderes Interview über Beziehungen, Kunst und Inspirationsquellen …


Stefan, wie kamst du zur Jonglage und Cristiana, wie kamst du zum Tanzen?

Stefan:
Ich habe einen 14 Jahre älteren Bruder, der immer mein Vorbild war und ich einfach alles nachmachte was er tat (und besser sein wollte). Er kaufte sich ein Jonglierbuch und fing an zu Jonglieren. Ich tat das dann auch und war schnell viel besser und habe einfach nie aufgehört. Ich war damals 13.

Cristiana:
Mit 10 Jahren habe ich mit Rhythmischer Sportgymnastik angefangen. Ich habe das dann ziemlich schnell professionell betrieben mit alle drum und dran wie Sportinternat, Wettkämpfe, Nationalmannschaft, etc. … Mit 18 Jahren war mein Akku leer und ich habe aufgehört. Dann bin ich zufälligerweise zum Tanzen gekommen und sofort hat mich eine gute Tanzcompagnie genommen – seitdem bin ich Tänzerin.

Was man auf der Bühne sieht, ist eine einstündige, perfekt inszenierte, Darbietung.
Wie viel Vorbereitung steckt in dieser einen Stunde?

Auf eine Art und Weise ist die Show immer der momentane Stand unserer „Lebensarbeit“, sprich ich jongliere schon seit 25 jahren, mehr oder weniger genauso lange wie Cristiana tanzt. Insofern kann man sagen es stecken 25 Jahre Arbeit drin.
Ganz konkret haben wir vor fünf Jahren zusammen angefangen zu arbeiten - es gab eine einjährige Babypause - also arbeiten wir jetzt seit 4 Jahren daran. Zuerst hatten wir eine 5minütige Varieténummer, aus der sich dann 20 min entwickelt haben und daraus dann das aktuelle 1h-Stück.

Foto: © Ben Hopper

Auf der Bühne verkörpert ihr ein Paar, das verschiedene Stationen einer Beziehung durchläuft. Welche Stationen sind das im Wesentlichen und inwiefern spiegeln sie eure eigene Beziehung wider?

Stadium 1: Alleine sein und dabei zufrieden sein
Stadium 2: Ohh, da ist jemand der ist wirklich ganz nett
Stadium 3: Aber eigentlich hab ich keinen Bock wieder eine Beziehung anzufangen.
           Am Anfang ist es ganz cool, aber dann wird's anstrengend. 
           Mein Kopf sagt "nein", aber mein Körper sagt "ja"
Stadium 4: Ok, wir probieren es
Stadium 5: Die Beziehung ist echt schön, aber manchmal brauche ich doch meine Ruhe
Stadium 6: Wieso lässt sie (er) mir keine Ruhe? Jetzt bin richtig sauer!
Stadium 7: Aber ohne geht es auch nicht!

Das Stück ist nicht autobiografisch. Aber natürlich gibt es viele kleine Details, die wir in unserer eigenen Beziehung auch entdecken, z.B. dass Cristiana mir immer hinterherräumen muss...
Ich glaube es tut unserer reellen Beziehung sehr gut, dass wir auf der Bühne richtig gemein und gewalttätig sein können.

Foto: © Alessandro Sala Cesura
Neben Inhalt und Darbietung hat mich an eurem Auftritt besonders die grafisch anmutende Kulisse begeistert. Ihr habt alles, auch eure Outfits, in schwarz gehalten und im Kontrast dazu die weißen Jonglierbälle als Gestaltungselement eingesetzt. Was waren eure Überlegungen und wichtig ist euch die visuelle Gestaltung eurer Auftritte?

Wir mögen im Allgemeinen alles was minimal und einfach ist.
Wir haben unsere Körper und die Bälle – mehr braucht es nicht, um etwas auszudrücken.
Dass wir die Bälle nicht nur zum Jonglieren benutzen, sondern auch als „Wände“, um die Bühne immer wieder neu zu strukturieren, hat sich erst in der Recherche ergeben.

Abgesehen von der künstlerischen Sicht ist es auch ungemein praktisch ohne Anhänger oder Übergepäck zu reisen.

Gibt es bei euch so etwas wie einen typischen Wochentag? Wenn ja, wie läuft der in etwa ab?

Ja klar gibt es einen typischen Wochentag.
  • Aufstehen um 8 Uhr
  • Um 8.45 Uhr wird Matias in den Kinderladen gebracht
  • Dann um 9 Uhr Stretching/Yoga im Probenraum. Dann arbeiten an unterschiedlichen Sachen (lange Show/Solo/reines Techniktraining/Recherche) bis um 14 Uhr
  • Dann Büroarbeit bis 16 Uhr
  • Dann Matias vom Kinderladen abholen
Foto: © Ben Hopper

"Die Kunst ist ein hartes Brot" heißt es so schön. Wie empfindet ihr das?

Das empfinden wir nicht so. Wir machen das was uns Spass macht und wir müssen uns ganz selten zu unserem Job quälen/überreden. Dass wir keinen festen Job haben und dadurch eigentlich nicht wissen, ob wir im übernächsten Jahr unser Geld verdienen werden, ist mittlerweile zur Normalität geworden und nicht negativ (wer hat schon einen wirklich festen Job?).
Manchmal empfinden wir das Reisen als sehr anstrengend: Die Hälfte des Jahres nicht Zuhause zu sein und immer wieder einen neuen Rhythmus finden zu müssen. Jetzt mit Kind (4 Jahre) ist das Reisen noch viel anstrengender und ständig mit einem Gefühl verbunden, ihn aus seinem Freundeskreis ständig herauszulösen. Das kann manchmal hartes Brot sein.

Im Großen und Ganzen sind wir sehr glücklich mit unserem Job. Wir treffen viele Menschen, wir sehen viele Länder (ohne dabei Tourist zu sein), wir können an etwas forschen, das uns Spass macht und wir bekommen für unsere Arbeit immer Applaus.

Ich finde einen satz von Karl Valentin prägnanter und treffender: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“.

Was inspiriert euch?

Stefan:
Musik, Tanz, Philosophen und andere Shows … allgemein alle Künstler, die in ihrer jeweiligen Zeit zeitgenössisch arbeiten. Im Moment bin ich sehr angetan von John Cage und Merce Cunningham.
Im Allgemeinen ist das Inspirierendste ein gutes Leben zu leben – dann läuft alles von alleine.

Cristiana:
Tanzchoreographen: am eindrücklichsten Jiří Kylián, William Forsythe und Menschen im Alltag, die ihrem Leben, in welcher Art und Weise auch immer, einen Sinn geben.

Ich wünsche euch, lieber Stefan und liebe Cristiana, dass ihr noch lange das tun könnt, was euch am meisten Spaß macht und damit unzähligen Menschen zauberhafte Augenblicke schenkt. Habt vielen Dank für dieses Interview!

Weitere Informationen: www.stefansing.com


Kommentare:

  1. Ein schönes Interview - Merci, Isabell!
    Mein Lieblingssatz daraus: *Im Allgemeinen ist das Inspirierendste ein gutes Leben zu leben – dann läuft alles von alleine.* Das finde ich auch!

    AntwortenLöschen
  2. ein tolles interview und atemberaubend schöne bilder!
    made my day!!!
    danke isabell!

    liebgruss
    eni

    AntwortenLöschen
  3. ein großartiges fundstück. und ich mag sehr, was die beiden über die brothärte der kunst sagen.

    AntwortenLöschen
  4. sehr interessant die beiden! ich merk mir auf jeden fall ihre namen!

    AntwortenLöschen